Freitag, 2. Februar 2018

Nietzsche und die Folgen

NietzscheMeine liebsten Bücher waren allzeit diejenigen, die Lust und Neugier auf mehr Lektüre anfachten: Dieses gehört ab jetzt dazu, ich habe es begierig gelesen und wurde bestens unterhalten.

Andreas Urs Sommer ist ausgewiesener Nietzsche-Fachmann, seine Kenntnis der Werke und der Biographie ist umfassend, und er beweist mit seinem Buch, dass Nietzsches Idee von der “fröhlichen Wissenschaft” sich in zeitgemäße Literatur umsetzen lässt, er tut das sprachlich elegant, fern aller ideologischen Blähungen und akademischen Flohknackerei. Sowohl der erste Teil, der sich mit Nietzsches Werken und den biographischen Umständen ihres Entstehens befasst, als auch der zweite, in dem er die Wirkungsgeschichte bis heute anhand prägnanter Beispiele erzählt, sprengt von den Texten in 130 Jahren angelagerte politische Krusten und Verfälschungen ab: Die Tiefe und Vielseitigkeit Nietzsches, die Risse und Konflikte in seinem Leben werden anschaulich, auch etliche Anlässe zu späteren Missverständnissen.

Mir gefiel besonders, wie Sommer Eigenarten der Originaltexte herausarbeitet, wie dadurch etwa Nietzsches Suche nach einem eigenen Verständnis von Wissenschaft und Kunst für den Leser einsichtig wird. Dabei ist keine Spur von “Heldenverehrung” oder, wichtiger noch, keine Spur jener von Medien penetrant geübten, billigen Häme beim Attackieren vermeintlicher Denkmäler im Spiel. So wurde mein Vergnügen bei der Lektüre etwa von “Menschliches – Allzumenschliches” neu geweckt, meine Distanz zum “Zarathustra” mir selbst erklärlich, mein Interesse an “mehr Nietzsche” insgesamt bestärkt.

Weil Nietzsche immer wieder Perspektiven und Stil wechselte, entzieht er sich freilich "einfachen" Deutungen, und weil andererseits fast jeder aus seinen Texten nur lesen kann, was ihm eigene Wahrnehmung und mehr oder weniger bewusste Impulsverstärker zu erkennen geben, treibt Nietzsche wie kaum ein anderer Philososoph eine konflikthafte Rezeptionsgeschichte hervor. Es macht Andreas Urs Sommer sichtlich Spaß, deren zahllose Kapriolen und Katastrophen zu verfolgen, sich Verklärer und Verteufler vorzuknöpfen, dabei verfolgt er zugleich die stimulierende, "katalytische" Wirkung der Werke für Philosophie, Kunst und Literatur bis in unsere Zeit.

Die Fälschungen und Klitterungen der Nietzsche-Schwester Elisabeth, die den Kult um den schnauzbärtigen Philosophen begründete, sind zwar längst offenbart, gleichwohl nutzt auch manch heutige Zitatenschleuder unbeirrt die dort entstandenen Zerrbilder und Klischees. Nietzsche selbst verabscheute deutschen "Bierernst", Moralinsäure und Nationalismus; es ist eine bittere Ironie, dass ausgerechnet er, der ins Äußerste gesteigerte Individualität vorlebte, von kollektivistischen Schreihälsen wie Mussolini und Hitler in Dienst genommen wurde. Insofern bereiten Sommers Analysen  kommunistischer und nationalsozialistischer Versuche, den Philosophen für die je eigene Propaganda zu instrumentalisieren besondere Genugtuung: Sie konnten ihn als Ideengeber sowenig zerstören wie seine geschworenen Feinde.

Schön kurzweilig lesen sich Geschichten über allerlei Parodistisches und Satirisches zum Thema, ebenso das "Was wäre wenn..." eine der illustren Frauen (Lou von Salomé, Frau von Bachofen, Cosima von Bülow) sich den eher unattraktiven Mann erwählt hätte. Und das ist nur eine aus einem Schwarm von Fragen des Autors am Ende des Buches. Auf die letzte, in einer Nachbemerkung: "Falls sich Nietzsche doch lohnt, für wen und warum?" versuche ich eine Antwort: Nicht für Leute, die ihn als zitierfähige Autorität im Kampf um moralische Deutungshoheit benutzen wollen. Politbürokraten und ihre mediale Gefolgschaft, Heilsverkünder und die Kollektive von Hanni und Nanni, Krethi und Plethi, Hinz und Kunz in der Maskerade von Bessermenschen werden ihre liebe Not haben, Nietzsches Werke noch einmal in politische Stempelkästen zu quetschen. Dazu sind sie einfach zu explosiv.

Andreas Urs Sommer “Nietzsche und die Folgen”, J.B. Metzler Verlag Stuttgart 2017, 208 Seiten, 16,95 €

Montag, 4. Dezember 2017

Weshalb die DDR 1977 schon unterging

Der meisterhafte Roman von Erich Loest hat mich – noch aus dem Abstand von 40 Jahren – aufgewühlt. Wie in einem Druckkessel verdichtet er Lebensverhältnisse Mitte der 70er Jahre in Leipzig zu beklemmenden Bildern und Szenenfolgen. Sein Ich-Erzähler Wolfgang Wülff, eher ein Anti-Held, ist Ingenieur in einem “Volkseigenen Betrieb” (VEB) mit den zu jener Zeit überall in der DDR-Mangelwirtschaft üblichen Problemen. Er ist fast genau mein Jahrgang, 1949 geboren, verheiratet, lebt mit Frau und vierjährigem Töchterchen in einem Plattenbau im Leipziger “Oktoberviertel”. Zur Einheitswohnung haben sie den Einheitstrabbi, und dieses Leben ist ziemlich genau, was mir seinerzeit als Alptraum erschien. Nicht dass es mir an Respekt vor den “Werktätigen” gemangelt hätte: Allein die Aussicht, mich als funktionierendes, gar parteitreues Rädchen ins Gestell zu fügen, passte weder zu meinem Wissensdurst und Freiheitsdrang noch zu meiner Lebensgier. Zu meinen Freunden und Bekannten gehörten freilich Ingenieure wie dieser Wolfgang: Hilfsbereite, humorvolle, familienorientierte Männer. Impulse jugendlichen Aufbegehrens hatten sich oft – wie bei Wülff - nach Konflikten mit der Staatsgewalt zu hartnäckigen Traumata verknotet, aber ich bin den “gelernten DDR-Bürgern” niemals so nahe gekommen wie Erich Loest, wenn er Wülff erzählen lässt. Kein Wunder, dass das Buch trotz Behinderungen durch die Zensur im Osten ein Renner war.
Wülffs allzu normales Leben erscheint darin wie mit dem Retro-Virus der Verweigerung infiziert: Der 26jährige möchte gern in Ruhe gelassen werden, nicht aufsteigen in der sozialistischen Wirtschaftshierarchie, nicht zu den “Bestimmern” gehören. Er kümmert sich lieber um sein Töchterchen, seine Mutter, die kriselnde Ehe von Freunden. Seine geliebte Frau Jutta legt diesen Mangel an Ehrgeiz als Trägheit aus, und als er wegen Beleidigung eines Kaders vor Gericht landet, bestraft wird, weil er dessen sadistische Erziehungsversuche in einer Schwimmhalle “faschistisch” nennt, ist es um die Ehe geschehen.
Wie Loest Wülffs inneren Aufruhr in Sprache verwandelt, ihn allein in der Einsamkeit an einem Mecklenburger See, beim Hören einer Sinfonie Bruckners im Gewandhaus auf seiner Seelenwanderung begleitet, das holt dieses “Rädchen” im sozialistischen Getriebe endgültig aus der Anonymität. Am Ende verliebt er sich – in eine Alleinerziehende. Das ist kein Happyend, aber einer jener Hoffnungsfunken des Jahres 1977, die das Ende der DDR vorwegnahmen. Der Staat wurde seinen Bürgern längst nicht mehr gerecht, Rudolf Bahro hatte es im selben Jahr gnadenlos analysiert, die DDR war schon fast bankrott. Mir bleibt nur zu wünschen, Erich Loests Mühen um die deutsche Einheit würde auch künftighin dadurch belohnt, dass viele diesen Roman lesen. Die ihn gelesen haben, werden kaum zulassen, dass es in Deutschland noch einmal seinen – sozialistischen – Gang geht.
Erich Loest
Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene
Roman, Mitteldeutscher Verlag, 294 S., geb.
ISBN 978-3-86152-021-4

Montag, 27. November 2017

"Wir sind Gedächtnis" – und Konflikt

Korte_MWir_sind_Gedaechtnis_177610Wollte ich alle Informationen aufzählen, die mir bemerkenswert erschienen beim Lesen dieses Buches - womit sollte ich beginnen? Und wieviel wird meine Erinnerung bewahren können von der Fülle angebotenen Materials aus der Hirnforschung, aus der Theorie des Lernens, der Psychologie und last but not least Verbindungen zur Literatur, Kunst, Musik? Es wird jedenfalls – und der Experte Martin Korte erklärt auch, wieso – ein Bruchteil dessen sein, was ein Experte zu verdauen in der Lage wäre. Immerhin habe ich Fachleuten das Vergnügen voraus, viel mehr Neues und Unbekanntes zu erfahren, oder Bekanntes in überraschenden Zusammenhängen zu entdecken. Und daraus sollte ich mit etwas Kreativität einen gescheiten Text verfertigen können, der Lesern die Lust an der Lektüre von “Wir sind Gedächtnis” nahebringt.

Kortes Reise durch den "Kosmos im Kopf" beginnt beim "autobiographischen" Gedächtnis, und wie in den folgenden Kapiteln erstaunen sogleich die Leistungen unseres Gehirns, verblüfft aber auch, wie wenig von seinen Prozessen uns bewusst wird. Stillstand kennt es nicht, darin gleicht es dem Universum und dem Mikrokosmos der Elementarteilchen. Astronomische Zahlen beschreiben die Dimensionalität der Vernetzung, der Signalwege, der chemischen und energetischen Abläufe. In Raum und Zeit konfiguriert sich das Gedächtnis fortwährend neu - der größte Teil dieses Eigenlebens bleibt uns verborgen. Immerhin hat die Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten viele neue Erkenntnisse über Strukturen und Funktionen herausgefunden. Korte erläutert das anhand zahlreicher Abbildungen, er kommt auf den Erkenntnisfortschritt seit der Antike und dem Hl. Augustinus zurück, benennt dessen wichtige Stationen bis in die Gegenwart und Beiträge wichtiger Forscher. Seine Fähigkeit, souverän das große Forschungsfeld zu überblicken, verbindet sich mit Freude am Erzählen. Wenn er etwa über neue Erkenntnisse zur Rolle des Schlafs beim Lernen spricht, ist die Begeisterung des Lernforschers zu spüren. Zitate aus der Fachliteratur sind ebenso wie solche von Ovid über Shakespeare bis zu Nietzsche, Freud, Marcel Proust und Homer Simpson als "Gedankenflüge" typographisch dem Titel entsprechend eingebunden: So macht Lesen Spaß.

Das Kapitel über die „Auslagerung“ individuellen Wissens in die weltumspannenden digitalen Netzwerke weckte meine Aufmerksamkeit. Korte referiert das Für und Wider, die Grenzen und Defizite des „Multitaskings“, die Vorteile des „Learning bei doing“. Er stellt die Bedeutsamkeit kultureller Kontexte gegenüber schierem Vermitteln von Fakten heraus und befürchtet, dass Internetgewohnheiten das Denken selbst verändern. Dazu führt er „eine nicht zu vernachlässigende Deprivation unseres Stirnlappens“ an, „der eben vor allem damit beschäftigt ist, die Gefühle, Einstellungen und Empfindungen unserer Mitmenschen im sozialen Kontext zu erahnen…“. Leider beleuchtet er die Bedeutung der nonverbalen Signale – der Mienen, Gesten, Laute – für die Kommunikation nur allzu kurz, obwohl er ihnen 70 bis 80% des Geschehens zuordnet. Sie bilden sich schon im Mutterleib, werden zwar abhängig von der Lernumgebung nach der Geburt individualtypisch ausgeprägt, bleiben aber lebenslang tief im Unbewussten des Gedächtnisses verankert. Sie sind menschenallgemein, wenn auch kulturell überformt. Fast jeder versteht sie – unabhängig von der Sprache – richtig: Wer kein Deutsch kann, wird kaum freundlich auf ein aggressives „Du Depp!“ reagieren. Er würde sich aber kaum beleidigt fühlen, wenn ich ihm mit von Herzen kommender Bewunderung und einem Lächeln sagte: „Du bist ein Depp ohnegleichen!“.

In Grenzen sind – etwa bei Schauspielern – solche emotionalen Signale trainierbar,  sie formen gleichwohl zwar stabile, vor allem aber kaum zu beeinflussende Persönlichkeitsmuster. Und sie können enorme gruppendynamische Kraft entfalten – im Jubel der Stadien, in Rührung und Gelächter des Theaterpublikums, im Johlen des Mobs, im Kriegsgeschrei. Die vielbegackerten Echokammern und Filterblasen des World Wide Web erscheinen als Surrogat solcher Interaktionen und aller möglichen sozialen Rituale und Rollen. Aber auch in virtuellen Beziehungen zwischen Menschen steuern Emotionen und Impulse tief im Gedächtnis das Verhalten. Korte streift den Zusammenhang noch einmal im Kapitel über das Vergessen, wenn er auf „Narben der Erinnerung“ – meist in der Kindheit erlittenener Verletzungen – zu sprechen kommt, und im vorletzten Kapitel die Zerstörung des „kollektiven Gedächtnisses“ durch Kriege und totalitäre Systeme anspricht, aber er lässt Fragen nach Wut, Hass, Ekel, Aggressivität, Machtgier, Habsucht, Rachedurst… außen vor – auch die nach Liebe, Altruismus, Empathie – und beschränkt sich alles in allem auf kognitive Aspekte. Ein umfänglicher Abschnitt über die Alzheimer-Krankheit und das Schlusskapitel mit Tipps, wie einer sein Gedächtnis fit hält, ließen mich an jene konfliktscheue Wissenschaft denken, die von wohlmeinenden Medien gern „eingekauft“ und als „trinkbare Information“ (die Formulierung stammt von einem ehemaligen Fernsehdirektor) dem vermeintlich minder verständigen Publikum verabreicht wird.

Wen schließlich meint das „Wir“ im Titel? Alle Menschen? Eine wohlversorgte, aufgeschlossene Leserschaft? Letztere wünsche ich dem Buch, falls sie weitergehende Fragen stellt, ist das ganz im Sinne des sympathischen Autors und seiner Lernforschung. Die von ihm kurz angedeutete Idee, man könne Vorurteile – also womöglich Feindbilder – aus dem Gedächtnis mittels Workshops ausräumen, erscheint mir gleichwohl so lächerlich wie gespenstisch. Kürzlich schlugen – so war in Medien zu lesen und zu hören – Bonner Wissenschaftler vor, das Hormon Oxytocin gegen Fremdenfeindlichkeit zu verabreichen. Solange derart mechanistisch mit dem – auch für das Lernen – unvermeidlichen Konfliktgeschehen der realen Welt kalkuliert wird, bleibt das kollektive Gedächtnis der Menschheit – also unseres – bedroht.

Martin Korte “Wir sind Gedächtnis”, DVA Sachbuch 2017, 384 Seiten, 20 €

Sonntag, 29. Oktober 2017

Gut aufgeräumte Landschaften

Wir sind immer gern am Bodensee – wir mögen Landschaft und Leute. Bei unseren Besuchen hat uns der Konstanzer Südverlag mehrfach mit interessanten Büchern zum Entdecken angeregt.

AlpsteinKürzlich erschien dort als Katalog zu einer Ausstellung mit Bauernmalerei aus der Ostschweiz ein Bildband, der das Lesen und Anschauen besonders lohnt. Ausgerechnet ein Sachse und ein Preuße kommen darin mehrfach zu Wort, um Besonderheiten der Schweizer in Appenzell zu beschreiben. Sie lebten beide Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts, als sich die Region um den Alpstein, in den Appenzeller Halbkantonen Innerroden und Außerroden und im Toggenburg wirtschaftlich und politisch wandelte. Die Textilproduktion wuchs auf, Bauern kamen durch Viehhandel und Milchprodukte zu Wohlstand, über ihren Stalltüren brachten sie "Sennenstreifen" an. Es sind Tafelbilder, die stolz und zahlengenau den Viehbestand darstellten.

"Die Kuh im Appenzellerland", vermerkt dazu der preußische Arzt und Reiseschriftsteller Johann Gottfried Ebel, "genießt mehr der Achtung und befindet sich glücklicher als Millionen Menschen Europas." Und in tiefem Respekt für den Freiheitssinn der Appenzeller, den er in der bis heute gepflegten demokratischen Landsgemeinde verkörpert sah, fügte er hinzu, das ganze Benehmen der Appenzeller drücke Selbstgefühl und innere Kraft aus. Den zugewanderten Sachsen Heinrich Tschokke wunderte, wie vertraut Amtspersonen und Volk miteinander umgingen: Der Landamman, höchste Magistratsperson, müsse sich gefallen lassen, wenn er vom geringsten Bauern dieselbe Behandlung empfängt, die er diesem widerfahren lässt.

Appenzeller Markenzeichen sind zweifellos bis heute das demokratische Grundverhältnis zur Politik, die Naturverbundenheit und der Geschäftssinn. Wie sie sich in der "Heimat Alpstein" über Jahrhunderte herausbildeten, ist in dem von Tobias Engelsing liebevoll und mit sachkundiger Hilfe vieler Unterstützer gestalteten Buch nachzulesen. Historische Urkunden, Karten, Gemälde, Stiche, Fotos illustrieren geschichtliche Wendungen mit allen Härten von Krieg, Pest, Brand und gemeinschaftlicher Kraftanstrengung, sie zu überwinden. Naturschönheit kontrastiert mit mühsamer Arbeit, originäres Brauchtum mit aufkommendem Tourismuskitsch.

Dem stehen naive, bisweilen fast ikonenhaft abstrakte Bilder gegenüber, gemalt nur selten von Bauern, oft von Handwerkern, Textilarbeitern, Knechten, Hausierern oder Taglöhnern. Aus der Hand begabter Dilettanten entstanden Auftragsarbeiten für Wohlhabende, sie idealisieren Besitz und Feste. Alltagsnöte, Schicksalsschläge finden sich in diesen aufgeräumt wirkenden Bildern nicht - aber vielleicht ziehen sie Betrachter genau deshalb an.

Hans Büchler hat zur Entwicklung der Bauernmalerei einen klugen Essay verfasst, eine Auswahl von Bildern nebst Kurzbiographien der Künstler folgt, ein amüsantes "Appenzeller ABC", Anmerkungen und reichlich Literaturhinweise. Die vergnügliche und anregende Lektüre weckt sofort die Lust auf eine Reise zum Säntis, in die Städte und Dörfer ringsum - vielleicht zum nächsten "Öberefahre", - also zum Almauf- oder Abtrieb. Abhalten könnte einen einzig der Hinweis des Sachsen Zschokke, der schon 1836 feststellte, Appenzell sei ein wahrer Liebling aller in- und ausländischen Reisenden geworden.

Wer Touristenandrang meiden will, kann das vielleicht in der Sonderausstellung "Heimat Alpstein" im Konstanzer Rosgartenmuseum, zu der das Buch als Katalog dient. Sie ist noch bis 30. Dezember 2017 zu sehen; .

"Heimat Alpstein - Appenzeller und Toggenburger Bauernmalerei" Südverlag Konstanz 2017, 208 Seiten, ISBN 978-3-87800-106-5, 19,90 €

Donnerstag, 20. Juli 2017

Fragen nach Sinn und Ziel

RaedernThetriumphofdeath_-_detailKrisenherde, Gewalttätigkeiten, Kriege und Massaker in "Failed States" treiben Bilderwogen hoch, der politische Einfluss von Nationalstaaten aufs wirtschaftliche Geschehen schwindet, die #EU ist eher ein Sanierungsfall als gestaltende Kraft im globalen Geschehen. Vor der Bundestagswahl werfen sich Parteien in Pose, ihre Programme bestehen hauptsächlich aus Worthülsen. Um ihre Handlungsunfähigkeit auf den wesentlichen Feldern wie Energie-, Migrations-, Finanz-, Abrüstungspolitik zu kaschieren, füttern sie mit Steuergeldern Korporationen - darunter zahllose sogenannte NGO -, die sie folgerichtig als willige Helfer für den Machterhalt und Schutzschild gegen unerwünschte Kritik dienstbar machen.

Statt Konflikte zu benennen und nach Lösungen zu suchen, gebrauchen fast alle Protagonisten der Wahlkämpfe den dicken Zeigefinger, der immer auf die anderen weist, und gegenüber den Wählern die bevormundende Moralkeule in der Art von Aufklebern auf Tabakverpackungen (Tödlich! Gefährlich! Klimaschädlich! Arm- und krankmachend...!). Sie mobilisieren den Versicherungs- und Vermeidungsimpuls der Wähler. Selbständigen Handlungs- und Entscheidungswillen, Meinungsfreiheit und Verantwortungsbereitschaft bremsen solche Organisationen gern aus, denn sie dienen nicht ihrem wichtigsten Ziel: Selbsterhaltung - koste es das Gemeinwesen, was es wolle.

Schauen Sie sich daraufhin die vertrauten "Gestelle" (die Bezeichnung weist aus, dass vor allem ihre An-Gestellten nutznießen) einmal an.kosmos_200

Wenn Sie sich für Zusammenhänge, Strukturen und Handlungsmuster interessieren, ihre eigene Position daraufhin befragen wollen, ob und wieviel sinnvolles und erfülltes Erleben sich damit verbindet, dann lesen Sie “Der menschliche Kosmos” einfach online - so viel Sie mögen - und stellen Sie Ihre Fragen.

"Der menschliche Kosmos" ist nämlich Ihrer.

Dienstag, 16. Mai 2017

Paradoxe Politik: Siegen mit der Unschärfe?

Durer_Revelation_Four_RidersMerkelbashing ist eigentlich nicht erst seit dem Sommer 2015 ein Volkssport. Als aber damals die Bundeskanzlerin ziemlich einsam entschied, Deutschlands Grenzen für anströmende Migranten vom Balkan zu öffnen, verlagerte sich die Richtung, aus der sie geprügelt wurde: Prügel kamen nun von rechts, von rechts der Mitte, selbst von liberalen Konservativen. Applaus dagegen brandete bei allen auf, die Deutschland gern sozialistisch und grün gewendet sähen, in der Pflicht, das Elend dieser Welt bis zur Selbstaufgabe zu bekämpfen - zum höheren Ruhm von Funktionären. Sie erblickten in Merkel plötzlich eine Verbündete. Manche fühlten sich in ihrem Furor zum Verbessern globaler Verhältnisse derart angefeuert, dass sie alle Zuwandernden – egal woher und mit welchen Zielen – zu schützenswerten Flüchtlingen ausriefen, jeden dagegen, der auf erwartbare kulturelle, soziale und juristische Konflikte hinwies, mittels unfehlbarem politischen Stempelkasten als Rechten, Rechtspopulisten, Rechtsextremen, Nazi, Rassisten, ... (ergänzen Sie hier entsprechendes Vokabular der politischen und journalistischen Phalanx) etikettierten.
Den entscheidenden Rückhalt bekam Angela Merkel allerdings nicht von den aus sicheren Ministersesseln, Abgeordnetenbüros und Redaktionsstuben lobhudelnden und unerwünschte Folgen bagatellisierenden Mitläufern, sondern von tausenden Hilfsbereiten: Menschen, die mit äußerstem Einsatz professionell oder freiwillig daran arbeiteten, Deutschland ein freundliches Gesicht zu geben. Und natürlich freuten sich alle, die von der hoch entwickelten Fürsorgeindustrie profitieren wollten, samt Zulieferern vom Schlepper bis zur NGO. Nörgler und Querulanten dagegen bekamen die geballte Verachtung derjenigen zu spüren, die sich so auf der moralischen und geschäftlichen Siegerstraße sahen. Talkshows der Anstalten, social media, Demonstrationen: Die Fronten wurden scharf, die Methoden der Auseinandersetzung hart bis zur Ausgrenzung von Inländern – Attacken auf die berufliche und geschäftliche Existenz inklusive.
Wechseln wir für einen Moment die Perspektive. Schauen wir mit den Augen jener Politiker aufs Geschehen, die an wachsender Migration Richtung Europa interessiert sein könnten. Wem käme es gelegen, würde die Mitte Europas durch zunehmende kulturelle, soziale, politische Konflikte destabilisiert? Da wäre zunächst Wladimir Putin, der im syrischen Bürgerkrieg eindeutig Position bezogen hat. Russland, wirtschaftlich weitgehend erfolglos, nach dem Bruch des Völkerrechts auf der Krim mit Sanktionen belegt, hat zweifellos Interesse daran, die politische Handlungsfähigkeit der EU (sofern es sie gibt) zu paralysieren und einer gut funktionierenden deutschen Wirtschaft etwas von ihrem Schwung zu nehmen, um als Partner wieder ins Spiel zu kommen. Er hat die „Syrien-Karte“ weidlich ausgereizt. Recep Tayyip Erdoğan erwies sich dabei als eingeschränkt tauglicher Verbündeter. Sein Hauptziel ist das Sultanat mit größtmöglicher Ausdehnung des politischen Islam ins Innere der EU, wobei ihm die Anhängerschaft nicht aller Muslime sicher sein dürfte. Dass Merkel ihm mit dem „Flüchtlings-Deal“ zusätzlichen Einfluss verschaffte, war von kurzem Wert, sein Appetit ist zu groß, die innerislamische Konkurrenz wird sich ihm vorerst sowenig unterwerfen, wie er imstande ist, den Tourismus und andere Wirtschaftszweige erblühen zu lassen. Dem „GröSulZ“ geht es ähnlich wie dem „GröFaZ“: Seine Anhänger jubeln, sähen gern alle Feinde durch Gefängnis, Todesstrafe oder Geburtenüberschuss marginalisiert, aber sonst mag ihn kaum einer. Natürlich hat Egon Bahr recht, wenn er sagt, dass es zwischen Staaten nicht um Menschenrechte und Moral geht, sondern um Interessen. Mag sein, dass persönliche Aversionen dabei meist ausgeblendet werden – gleichwohl gibt es sie, und es ist nicht unwichtig, wie die Mächtigen sie auszuspielen wissen. Das war zwischen Chruschtschow und Mao Zedong so, es ist zwischen Merkel und Putin zu beobachten.
Der Schauspielregisseur bescheinigt der Physikerin nicht nur dabei die größere Cleverness: Sie lässt sich gern unterschätzen. Wie hätten diese Herren (und andere Verehrer des deutschen Grundgesetzes) reagiert, wenn die Bundesregierung mehr oder weniger gewaltsam die Grenzen gegen Zuwanderer geschlossen hätte? Der Versuch wäre zu einer inneren Zerreißprobe geworden. Linke, Grüne, gleichgesinnte NGO, Gewerkschaften, hätten den Bundestag, akkommodiert von der Journaille mit Fluten hässlicher Bilder vom Balkan, sturmreif geschossen. Hilfe von außen? Von der EU? Von der „Lame Duck“ Obama? Glaubt daran irgendwer?
Und damit wende ich mich wieder der deutschen Bühne zu: Angela Merkel öffnet die Grenzen, bleibt in ihren Aussagen so unbestimmbar wie in nicht wenigen anderen wichtigen Entscheidungen. Weiß irgendwer sicher, was sie mit „Wir schaffen das“ meint? Sie bringt jedenfalls Besserwisser auf die Palme. Manche Kaffeesatzleser halten sie für naiv. Aber glaubt wirklich irgendwer mit einem Mindestmaß an Sachkenntnis vom Mediengeschäft, dass sie nach 27 Jahren in der Politik, die längst zur Mediokratie geworden ist, deren Muster nicht erkennen und für ihre politischen Ziele nutzen könne?
Lassen Sie mich weiter fragen: Hat sie die absehbar unvermeidlichen Krisen und Konflikte infolge massenhafter Zuwanderung aus Naivität, aus Verantwortungslosigkeit verschwiegen? Oder hat sie heimlich über die Idiotie der „geschenkten Menschen“ gegrinst, während sie abwartete, dass die Folgen ihrer „paradoxen Intervention“ – nämlich das Inkraftsetzen linksgrüner Wahnvorstellungen zur politischen Realität – sichtbar wurden? Glaubt irgendwer, dass sie ihre Erfahrung mit antibürgerlicher Politik in der DDR vergessen hat?
Im Gegensatz zu den Deppen an der Spitze der SPD, deren Repertoire sich in Gerechtigkeits-Phrasen und dem Aufbau eines sozialistischen Staates im Staat durch steuerfinanzierte SJW-Korporationen nebst willigen „Medienmachern“ erschöpft, vermeidet sie Breitseiten im Stile des Klassenkampfes. Sie wäre töricht, ließe sie Sympathien für die AfD auch nur ahnen. Diese – legale – Konkurrenz hilft ihr, den Pendelschwung zugunsten der bürgerlichen Demokratie angesichts immer offensichtlicheren Versagens linksgrüner Konzepte sowohl in der Migrations- als auch der Energie- und letztlich der Wirtschaftspolitik auszunutzen. Wenn Frau Schwesig, immer noch Ministerin im Kabinett Merkel, Protagonistin im Kampf gegen die Meinungsfreiheit an der Seite des Ministers Maas, sich in einer Talkshow dahingehend äußert, dass die Union wie die AfD argumentiere, dann zeigt das, wie düpiert sich die Dame fühlt. Als hätte die Gabriel-Truppe nicht längst ihre R2G-Träume offenbart. Und als wären sie nicht längst geplatzt wie die Kanzlerträume ihres Genossen Schulz.
Die zurückliegenden Landtagswahlen zeigen – das hoffe ich – vor allem, dass die Bürger in Deutschland sich weder von Politikern noch von Redakteuren öffentlich-rechtlicher Verblödungsprogramme konditionieren lassen. Merkel könnte den Schwung dieser sogleich als „Wutbürger“ (Schwesig) denunzierten Wählerbewegung nutzen, bürgerlich-konservative und liberale Kräfte in Deutschland zu stärken. Ihre „paradoxe Intervention“ in einer kritischen Situation, die Übernahme linksgrüner Migrationspolitik, mag schlimme Folgen für die geduldig arbeitenden Mitbürger, für ihre Partei, für die Zivilgesellschaft gehabt haben: Sie hat einerseits eben diese Politik deutlich, schmerzlich erfahrbar, widerlegt, sie hat andererseits Konfliktlagen klar gemacht, in denen Bürger ihre Stimme erheben und Politiker in die Pflicht nehmen müssen. An den Aufgaben, mit denen sie uns „allein gelassen“ hat, war der Sozialismus längst gescheitert. Vielleicht hat ihr auch der „Brexit“ geholfen, die Lage Deutschlands in der EU anders zu bewerten.
Das Arbeitspensum einer neuen Kanzlerschaft wird nicht kleiner, die Zahl ihrer Gegner auch nicht. Angela Merkel wird niemals die euphorische Massenbasis eines „GröSulZ“, nicht einmal die 100% des SPD-Gröschulz haben. Sie wird früher oder später gehen. Was sie gedacht, unterlassen, bewirkt hat, erfahren künftige Generationen vielleicht aus Geschichtsbüchern. Dass die Schulen dann noch in einer Demokratie unterrichten, die den Namen verdient, kann kein Bundeskanzler garantieren, das können nur Bürger, die Freiheit und Rechtsstaat wollen und beides gegen den Gesinnungsterror von Religionen und Ideologien – egal welcher moralischen oder politischen Färbung – verteidigen.

Mittwoch, 12. April 2017

Zwangsgebühren und Quotendeppen

Tünche
Bertolt Brecht:"Da ist Tünche nötig" (Lied von der Tünche)
Die Tonlage erinnert an Politbürokraten der DäDäÄrr: Dem so pünktlich wie wehrlos zahlenden Rentner kommt überraschend ein Automatenbrief vom “Beitragsservice”  ins Haus. Er solle gefälligst eine bisher nicht bekannte Betriebsstätte anmelden. Definiert diese Institution inzwischen nach eigenem Recht, dass ein privates Weblog eine Betriebsstätte ist? Von Politik und Rechtsinstanzen ermächtigt, wirft sich in dem Schreiben eine Korporation in die Brust, deren Selbstgerechtigkeit kaum mehr zu überbieten ist:
"Ob Information, Unterhaltung, Sport oder Kultur, die große Senderfamilie von ARD, ZDF und Deutschlandradio bietet hochwertiges Programm für jeden Geschmack.”
“Für meinen nicht”, würde ich gern erwidern, aber ich werde nicht gefragt.
“Ihr Rundfunkbeitrag ermöglicht eine unabhängige Berichterstattung - frei von wirtschaftlichen und politischen Interessen.”
Auch dieser Behauptung widerspräche ich gern, aber das System sieht keinen Einspruch vor, es ist ja ein für alle Male ermächtigt, mich als Zahler auf seine Dienste zu verpflichten.
“So können wir für jeden die passenden Inhalte bieten und unser Angebot so vielfältig gestalten wie die Interessen der Menschen, die es nutzen. [...]"
Das krönt die Anmaßung. Weder passen mir die Inhalte – bis auf wenige Ausnahmen – noch wurde ich als Nutzer je auf meine Interessen hin befragt. Das Angebot richtet sich im wesentlichen nach Quoten, die mich als Nutzer von vornherein ausschließen.
Fühle nur ich mich von diesem Anschreiben des "Beitragsservice" verhöhnt? Weil ich quotenstatistisch selektierte Verblödung fürs Massenpublikum nicht mag? Weil ich als Wissenschaftsjournalist erlebte, wie Budgets für qualifizierte Sendungen in den Anstalten immer knapper wurden? Weil der Druck zu konformem Verhalten auf "Freie Mitarbeiter" immer größer wurde (Dazu gab es vor einigen Monaten eine Resolution, deren Verfasser wahrlich keine Dissidenten sind)?
Der "Beitragsservice" (beschönigender Name für die auf alle Ewigkeiten der Pensionsberechtigung jeglicher Anstalts-Bediensteter verpflichtete ehemalige “Gebühreneinzugszentrale” GEZ) versucht, jede irgend denk- oder vom Automaten ausrechenbare Quelle für ihren unstillbaren Bedarf anzuzapfen. Dass sich diese getarnte Steuer auf staatsfromme Medienproduktion (“Wes Brot ich ess, des Lied ich sing”) rechtlich unangreifbar gemacht hat, ist schlimm genug. Dass sie sich selbst auch als das Nonplusultra der Inhalte und Meinungen versteht und darstellt, bringt sie in den Verdacht totalitärer Ausrichtung.
Es sind dieselben Anstalten, die einmal von totalitären Regimes des Ostens als “Instrumente des Klassenfeindes” bekämpft wurden. Wer heutzutage ihr Programm der quotentauglichen Verblödung nicht goutiert, es gar öffentlich kritisiert, darf damit rechnen, ein Stigma aus dem politischen Stempelkasten zu ernten. “Rechts” heißt das dann, “neoliberal” oder “populistisch”, und selbst “konservativ” erscheint im Verständnis der alternativlosen Umfrage-Meinungs-Modellierer schon verdächtig.
Das Geld der Verdächtigen wollen sie trotzdem. Um jeden Preis.